Olympe de Gouges (1748 - 1793)
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Zamore et Mirza, 1784


[...]

Erster Akt
Das Theater stellt die Küste einer einsamen Insel dar. Sie ist von schroffen Felsen begrenzt und umschlossen, hindurch sieht man in die Weite der hohen See. Auf einer Seite im Vordergrund befindet sich der Eingang zu einer Hütte, die von Obstbäumen der Region umgeben ist. Die andere Seite bildet den Beginn eines Waldes, der undurchdringlich erscheint. In dem Moment, in dem der Vorhang sich hebt, rührt ein tosendes Unwetter die Flutenauf, man sieht ein Schiff an der Küste zerbrechen. Die Winde legen sich und das Meer wird nach und nach ruhiger.


Erste Szene
Zamore, Mirza

Zamore:
Zerstreue deine Ängste, meine liebe Mirza, dieses Schiff ist nicht von unseren Verfolgern geschickt, es ist ein fremdes. O weh! Es hat soeben Schiffruch erlitten. Wie es scheint, hat sich niemand von der Mannschaft retten können.

Mirza:
Ach! Ich fürchte nur um dich. Das Todesurteil hat für mich nichts Schlimmes. Ich segne mein Schicksal, wenn wir unser Leben gemeinsam beenden.

Zamore:
O meine liebe Mirza! Wie du mich berührst!

Mirza:
Glaubst du, Zamore, dass dieser bösartige Gutsverwalter meinen Tod geschworen hat? Ich habe ihn nicht geliebt und als er meine Gefühle erzwingen wollte, habe ich ihm gesagt, dass ich nur dich liebe. Könnte mich dieses Bekenntnis in seinen Augen zur Verbrecherin gemacht haben? Mein Herz ist einfach. Du weißt das, Zamore, es kennt niemals Umwege. Bis zu dem Augenblick, in dem ich dich traf, sehnte ich mich nach dem Landleben in unseren friedlichen Wäldern. Meine Liebe hat dich schuldig werden lassen. Ohne die unglückliche Mirza, wärest du niemals vor dem besten aller Herren geflohen und du hättest seinen Vertrauensmann nicht getötet.

Zamore:
Der Barbar! Er hat sich in dich verliebt und das war genug, um dein Tyrann zu werden. Diese Liebe machte ihn zur Bestie. Dieses Monster wagte mir zu befehlen, dich ums Leben zu bringen. Die Ausbildung, die unser Statthalter mir hat zukommen lassen, machte mir gemeinsam mit der Empfindsamkeit meiner urtümlichen Sitten den schrecklichen Despotismus der Obrigkeit, die mir dein Todesurteil auftrug, noch unerträglicher.

Mirza:
Du hättest mich sterben lassen müssen, dann wärst du bei unserem Statthalter, der dich wie sein Kind liebt. Ich habe dein Unglück und das Seine verursacht.

Zamore:
Was sagst du da zu mir? Dich sterben lassen? Ah! Warum erinnerst du mich wieder an die Tugend und die Güte dieses verehrenswerten Herrn? Ich habe bei ihm meine Pflicht getan, ich habe seine Wohltaten mit kindlicher Zuneigung bezahlt. Er hält mich für schuldig und das ist es, was meine Qualen noch schrecklicher macht. Er weiß nicht, was für ein Ungeheuer er mit seinem Vertrauen beehrt hat. Ich habe die Erde davon befreit und ich habe meinesgleichen von seiner Tyrannei befreit. Aber, meine liebe Mirza, lassen wir eine allzu teure und allzu unselige Erinnerung hinter uns. Wir haben keine andere Beschützerin mehr als die Natur. Wohltätige Mutter! Du weiß um unsere Unschuld. Ja, du wirst uns nicht im Stich lassen und diese verlassene Gegend wird uns vor aller Augen verbergen.

Mirza:
Mir gefällt es, dir zuzuhören. Du hast mir alles beigebracht, was ich weiß. Aber sage mit, Zamore, warum sind die Europäer und die Siedler gegenüber uns armen Sklaven so sehr bevorzugt? Wir sind Menschen wie sie. Ah! Warum gibt es einen so großen Unterschied zwischen ihrer Abstammung und unserer?

Zamore:
Dieser Unterschied ist wirklich gering, er besteht nur in der Hautfarbe. Aber die Vorteile, die sie uns gegenüber haben, sind enorm. Die Geschicklichkeit hat sie über die Natur gestellt und das Wissen hat Götter aus ihnen gemacht. In diesen Gegenden bedienen sie sich unserer wie sie sich in ihren Gegenden der Tiere bedienen. Sie sind zu uns gekommen, sie haben sich des Landes und der Vermögen bemächtigt und uns zur Belohnung für die Reichtümer, die sie uns geraubt haben, zu Sklaven gemacht. Es sind unsere eigenen Felder, von denen sie ernten, und diese Enten sind begossen mit unserem Schweiß und unseren Tränen. Der Großteil dieser unmenschlichen Gebieter behandelt uns mit einer Grausamkeit, die die Natur erschaudern lässt. Unsere allzu unglückliche Abstammung hat sich an diese Strafen gewöhnt. Sie hüten sich gut davor, uns zu bilden. Wenn wir unversehens zur Einsicht kämen, würde uns grauen vor dem Zustand, in dem sie uns versetzt haben, und wir könnten ein so grausames wie schmachvolles Joch abschütteln. Aber steht es in unserer Macht, unser Schicksal zu ändern? Ein durch Sklaverei erniedrigter Mensch hat seine ganze Kraft eingebüßt und die größten Schwachköpfe unter uns sind die am wenigsten unglücklichen. Ich habe meinem Herrn immer denselben Eifer bekundet und ich habe mich gut davor gehütet, meine Kameraden meine Art zu denken wissen zu lassen.

Mirza:
Wie gerne würde ich all das wissen, was du weißt! Du wirst es mir beibringen, nicht wahr, mein Freund?

Zamore:
Ja, meine teure Mirza, ich werde dich alles lehren, was ich weiß.

Mirza:
Ich wäre sehr zufrieden, genauso wissend wie du zu sein, aber alles, was ich weiß, ist, dich zu lieben.

Zamore:
Deine Naivität bezaubert mich. Das ist das Gepräge der Natur. Ich verlasse dich für einen Augenblick. Gehe du Früchte klauben. Ich werde die Trümmer dieses Schiffsbruchs einsammeln. Aber was sehe ich? Eine Frau kämpft gegen die Fluten? Ich eile ihr zu Hilfe oder sollte ein übermäßiges Unglück einen davon befreien, menschlich zu sein?

(er steigt auf der Seite der Felsen hinunter)


[...]



© Übersetzung: Viktoria Frysak, Corinne Walter 2008