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Zamore et Mirza, 1784
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Erster Akt
Das Theater stellt die Küste einer einsamen Insel dar. Sie ist von
schroffen Felsen begrenzt und umschlossen, hindurch sieht man in die Weite
der hohen See. Auf einer Seite im Vordergrund befindet sich der Eingang
zu einer Hütte, die von Obstbäumen der Region umgeben ist. Die
andere Seite bildet den Beginn eines Waldes, der undurchdringlich erscheint.
In dem Moment, in dem der Vorhang sich hebt, rührt ein tosendes Unwetter
die Flutenauf, man sieht ein Schiff an der Küste zerbrechen. Die
Winde legen sich und das Meer wird nach und nach ruhiger.
Erste Szene
Zamore, Mirza
Zamore:
Zerstreue deine Ängste, meine liebe Mirza, dieses Schiff ist nicht
von unseren Verfolgern geschickt, es ist ein fremdes. O weh! Es hat soeben
Schiffruch erlitten. Wie es scheint, hat sich niemand von der Mannschaft
retten können.
Mirza:
Ach! Ich fürchte nur um dich. Das Todesurteil hat für mich nichts
Schlimmes. Ich segne mein Schicksal, wenn wir unser Leben gemeinsam beenden.
Zamore:
O meine liebe Mirza! Wie du mich berührst!
Mirza:
Glaubst du, Zamore, dass dieser bösartige Gutsverwalter meinen Tod
geschworen hat? Ich habe ihn nicht geliebt und als er meine Gefühle
erzwingen wollte, habe ich ihm gesagt, dass ich nur dich liebe. Könnte
mich dieses Bekenntnis in seinen Augen zur Verbrecherin gemacht haben?
Mein Herz ist einfach. Du weißt das, Zamore, es kennt niemals Umwege.
Bis zu dem Augenblick, in dem ich dich traf, sehnte ich mich nach dem
Landleben in unseren friedlichen Wäldern. Meine Liebe hat dich schuldig
werden lassen. Ohne die unglückliche Mirza, wärest du niemals
vor dem besten aller Herren geflohen und du hättest seinen Vertrauensmann
nicht getötet.
Zamore:
Der Barbar! Er hat sich in dich verliebt und das war genug, um dein Tyrann
zu werden. Diese Liebe machte ihn zur Bestie. Dieses Monster wagte mir
zu befehlen, dich ums Leben zu bringen. Die Ausbildung, die unser Statthalter
mir hat zukommen lassen, machte mir gemeinsam mit der Empfindsamkeit meiner
urtümlichen Sitten den schrecklichen Despotismus der Obrigkeit, die
mir dein Todesurteil auftrug, noch unerträglicher.
Mirza:
Du hättest mich sterben lassen müssen, dann wärst du bei
unserem Statthalter, der dich wie sein Kind liebt. Ich habe dein Unglück
und das Seine verursacht.
Zamore:
Was sagst du da zu mir? Dich sterben lassen? Ah! Warum erinnerst du mich
wieder an die Tugend und die Güte dieses verehrenswerten Herrn? Ich
habe bei ihm meine Pflicht getan, ich habe seine Wohltaten mit kindlicher
Zuneigung bezahlt. Er hält mich für schuldig und das ist es,
was meine Qualen noch schrecklicher macht. Er weiß nicht, was für
ein Ungeheuer er mit seinem Vertrauen beehrt hat. Ich habe die Erde davon
befreit und ich habe meinesgleichen von seiner Tyrannei befreit. Aber,
meine liebe Mirza, lassen wir eine allzu teure und allzu unselige Erinnerung
hinter uns. Wir haben keine andere Beschützerin mehr als die Natur.
Wohltätige Mutter! Du weiß um unsere Unschuld. Ja, du wirst
uns nicht im Stich lassen und diese verlassene Gegend wird uns vor aller
Augen verbergen.
Mirza:
Mir gefällt es, dir zuzuhören. Du hast mir alles beigebracht,
was ich weiß. Aber sage mit, Zamore, warum sind die Europäer
und die Siedler gegenüber uns armen Sklaven so sehr bevorzugt? Wir
sind Menschen wie sie. Ah! Warum gibt es einen so großen Unterschied
zwischen ihrer Abstammung und unserer?
Zamore:
Dieser Unterschied ist wirklich gering, er besteht nur in der Hautfarbe.
Aber die Vorteile, die sie uns gegenüber haben, sind enorm. Die Geschicklichkeit
hat sie über die Natur gestellt und das Wissen hat Götter aus
ihnen gemacht. In diesen Gegenden bedienen sie sich unserer wie sie sich
in ihren Gegenden der Tiere bedienen. Sie sind zu uns gekommen, sie haben
sich des Landes und der Vermögen bemächtigt und uns zur Belohnung
für die Reichtümer, die sie uns geraubt haben, zu Sklaven gemacht.
Es sind unsere eigenen Felder, von denen sie ernten, und diese Enten sind
begossen mit unserem Schweiß und unseren Tränen. Der Großteil
dieser unmenschlichen Gebieter behandelt uns mit einer Grausamkeit, die
die Natur erschaudern lässt. Unsere allzu unglückliche Abstammung
hat sich an diese Strafen gewöhnt. Sie hüten sich gut davor,
uns zu bilden. Wenn wir unversehens zur Einsicht kämen, würde
uns grauen vor dem Zustand, in dem sie uns versetzt haben, und wir könnten
ein so grausames wie schmachvolles Joch abschütteln. Aber steht es
in unserer Macht, unser Schicksal zu ändern? Ein durch Sklaverei
erniedrigter Mensch hat seine ganze Kraft eingebüßt und die
größten Schwachköpfe unter uns sind die am wenigsten unglücklichen.
Ich habe meinem Herrn immer denselben Eifer bekundet und ich habe mich
gut davor gehütet, meine Kameraden meine Art zu denken wissen zu
lassen.
Mirza:
Wie gerne würde ich all das wissen, was du weißt! Du wirst
es mir beibringen, nicht wahr, mein Freund?
Zamore:
Ja, meine teure Mirza, ich werde dich alles lehren, was ich weiß.
Mirza:
Ich wäre sehr zufrieden, genauso wissend wie du zu sein, aber alles,
was ich weiß, ist, dich zu lieben.
Zamore:
Deine Naivität bezaubert mich. Das ist das Gepräge der Natur.
Ich verlasse dich für einen Augenblick. Gehe du Früchte klauben.
Ich werde die Trümmer dieses Schiffsbruchs einsammeln. Aber was sehe
ich? Eine Frau kämpft gegen die Fluten? Ich eile ihr zu Hilfe oder
sollte ein übermäßiges Unglück einen davon befreien,
menschlich zu sein?
(er steigt auf der Seite der Felsen hinunter)
[...]
© Übersetzung: Viktoria Frysak, Corinne Walter 2008
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