| Dialogue
allégorique entre la France et la vérité, 1789
[...]
Wahrheit:
Einst wurden die Generalstände nur einberufen, um alle Bürger
über ihre eigenen Interessen zu belehren. Aber heute beabsichtigt der
geringste Bürger die Nation über alles zu belehren, was sie machen
und unternehmen könnte. Quer durch die Sintflut wirrer und sonderbarer
Ideen, sieht man diejenigen einer Frau sich erheben: Man kann sie lesen,
ohne zu befürchten, den Ekel vor all dem zu vermehren, was sich bis
zu diesem Moment gezeigt hat.
Frankreich:
Wer weiß, ob in diesem leichtfertigen und egoistischen Jahrhundert
eine Frau einem Mann in der Politik nicht gleichkommt? Ein wahrhaft patriotisches
Herz kann tugendhafte Pläne ersinnen und glückliche Entdeckungen
machen. Die Geschichte aller Länder zeigt hinreichend, dass die Frauen
nicht immer unnütz sind.
Wahrheit:
Es gibt keine Frauen, die wie Männer sind. Keine verschreibt sich dem
Wohl des Vaterlandes, weil es zu viele Opfer erfordern würde. Ob charakterliche
Tugend oder Marotte des Geschlechts, man kann sie in dieser Sache unterscheiden.
Frankreich:
Dieses immerzu untergeordnete Geschlecht hat stets versucht, sich dem Wettkampf
mit demjenigen zu stellen, das ihm unaufhörlich befiehlt, und es scheint,
dass es das Recht seine Stimme zu erheben nur in den großen Krisen
hat. Es ist eine Ungerechtigkeit von Seiten der Männer, den Frauen
keinen Zugang zu den Angelegenheiten zu gewähren und ihnen keine Machtbefugnisse
zu überlassen, wenn sie dazu fähig sind, guten Gebrauch davon
zu machen.
Wahrheit:
Ich bin nicht ganz deiner Meinung. Du kannst dich mehr als ich für
dieses Geschlecht interessieren. Seine Begeisterung, seine gelegentlich
erfinderischen Pläne sind deinem Königreich von großer Hilfe
gewesen. Ich denke, dass man es ermutigen kann, aber man soll sich wohl
davor hüten, es an den wesentlichen Dingen teilhaben zu lassen. Solange
es keinen Einfluss hat, wird es Wunderwerke vollbringen, wenn es allmächtig
würde, würde es jeden Augenblick Dummheiten machen.
Frankreich:
Wie? Du würdest die nützlichen Mittel, die von seiner Seite für
das Wohl meines Staates und meines Volkes kommen, verwerfen?
Wahrheit:
Nein, das ist es nicht, was ich will. Es wäre eine Ungerechtigkeit,
ihre Entdeckungen zu vernichten, wenn sie nur nach dem Wohl des Vaterlandes
streben, und es wäre eine unmenschliche Grausamkeit, sie zurückzuweisen.
Frankreich:
Verstehe ich richtig? Sie sollen nur in Stille triumphieren?
Wahrheit:
Ihr Genuss ist immer noch groß genug. Und eine Frau, die die Früchte
ihrer nützlichen Beschäftigung in den Händen der Männer
gedeihen sieht, ist ausrechend entschädigt.
Frankreich:
Wie! Nicht der geringste Dank, keine Auszeichnung, kein Zipfelchen eines
Verdienststreifens, während die Männer oft, wenn sie [bloß]
eine Lobrede oder eine Komödie verfasst haben, Ehren und den Adelsstand
erhalten? Man muss zugestehen, dass eine Frau, die unaufhörlich am
Wohl ihres Landes arbeitet, nicht nur die Wertschätzung aller Männer
verdient, sondern auch einige Auszeichnungen. Ich kenne eine, die sich wie
eine Römerin opfern würde, um ihr Land zu retten.
[...]
© Übersetzung:
Viktoria Frysak, Corinne Walter 2009
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