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Discours de l'aveugle aux français,
1789
Das Schicksal hat mich der wesentlichen Erleuchtung beraubt, ich habe
die Wahrheit tastend gesucht. Ich habe gedacht, dass es in dieser denkwürdigen
Zeit notwendig wäre, sie den Franzosen wieder vor Augen zu führen.
Mein „Brief an das Volk“
war mein erster Aufsatz und wurde im Laufe der Zeit ein Volltreffer. Er
beruhigte die Köpfe, er erfüllte die Herzen der Franzosen mit
der Liebe und dem Respekt, die sie immer für ihren Prinzen gehabt
haben; bald erwähnten ihn alle Franzosen lobend. Es ist zweifelsfrei
nicht mein breites Wissen und meine Kunstfertigkeit im Schreiben, die
man bemerkt, sondern es ist der einfache Patriotismus, der alleine den
Verdienst dieser Schrift ausmacht.
Die „Patriotischen Anmerkungen“,
die ich in der Öffentlichkeit verbreitet habe, waren nichtsdestoweniger
erfolgreich. Aber „Das
ursprüngliche Glück des Menschen“, das gleich auf
diese zweite Schrift folgte, hat eine Legion von Kritikern angezogen.
Der Neid hat sich an meine Persönlichkeit geheftet wie ein Blutegel
an die Haut der Menschen. Zu einem philosophischen Thema zu schreiben,
was nur den Weisen und den Philosophen zu behandeln zusteht, dieses Unterfangen
hat mich bitterster Kritik ausgesetzt. Was auch immer diese Kritik bedeutet
und welche Schwäche auch immer mein Geschlecht besitzt, konnte man
nicht leugnen, dass man im „Ursprünglichen Glück“
große Wahrheiten findet, die zum Unglück Frankreichs vielleicht
erst recht Wirklichkeit werden.
Dieses „Ursprüngliche Glück“ bietet Lektionen für
alle Menschen, aber sie halten sich für allzu wissend. Sie glauben,
dass sie es nicht mehr nötig haben, etwas zu lernen, besonders von
einer Frau, die über kein Wissen verfügt.
Wenn die Wissenschaften die Menschen besser und konsequenter machten,
würde ich es bedauern, nicht ausgebildet worden zu sein. Aber weil
das Unwissen alle Tugenden in mir hervorruft, begrüße ich es,
nicht die Erleuchtung der Menschen zu besitzen.
Man soll mich also wie eine Blinde betrachten, die zu leiten die Natur
sich immer gekümmert hat. Mit dieser guten Mutter werde ich in dieser
Sache zum siebenten und letzten Mal zu den Franzosen sprechen.
Ich predige einem berühmten Volk das Gute. Ich werde neuerlich zugunsten
meines Vaterlandes sprechen und mögen mein Eifer und meine Liebe
für es bei den Franzosen die brüderliche Einigung wiederherstellen.
Ich habe ihre Leichtfertigkeit schon angegriffen, ich habe der Verderbtheit
der Sitten den Krieg erklärt, ich habe die Frauen nicht ausgespart.
Wenn das Übel rasche und wirksame Heilmittel erfordert, kommt der
gute Mediziner zur Sache und verpackt sein Rezept nicht mit mehrdeutiger
und süßlicher Phrasendrescherei. Die Eilfertigkeit, seinen
Kranken zu heilen, lenkt seine Feder.
Der Wunsch die Geister zu vereinen und sie auf das Gemeinwohl zu richten
hat mich bestimmt, weder Verleumdung noch Betrug haben mich entmutigen
können. Nichts kann mich von dem Weg abbringen, den ich mir gebahnt
habe. Das ist meine Entschuldigung. Meine Mängel sind zwingender
als alle Vernunftschlüsse, weil sie ja aus einer meiner Vernunft
vorgängigen Quelle kommen. Dieser Eifer und dieser Patriotismus sind
unter diesen Umständen nicht fehl am Platz, zumindest glaube ich
das.
[...]
© Übersetzung: Viktoria Frysak, Corinne Walter 2009
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