Olympe de Gouges (1748 - 1793)
Home   |   Lebenslauf   |   Frauenrechte   |   Werk   |  Zitate   |   Literatur   |   Impressum

Grande éclipse du soleil Jacobiniste et de la lune Feuillantine, 1792


[...]

Schließlich kommen wir an den schrecklichen Moment, der das Schicksal aller Völker entscheiden wird: Die jakobinische Sonne stürzt sich auf den feuillantinischen Mond, diese wandert mit langsamem Schritt auf gewundenen Pfaden durch die Wolken: diese zwei unechten Sterne wollen die Erde verschlingen: aber die Erde wird sich erheben; wird sie in die Finsternis stürzen und die Helligkeit zu Tage fördern, die sie mit ihrem lichtscheuen Einfluss beschmutzt haben. Kommt, eilt zu mir, tugendhafte Menschen, es ist keine Fanatikerin, die zu euch im Namen des Himmels spricht, es ist eine Frau, die zu euch in der Sprache der Vernunft, der Natur sprechen wird. Mein Bürgersinn ist nicht zweideutig, er ist nicht gleichgültig, weil ja die zwei Umstürzlergruppen ihn fürchten und ihn aus ihrem Schoß verstoßen, ihre Missbilligung bedeckt mich mit Ruhm, und dieser Triumph, der mich heute erhebt, würde das Glück meines Leben sein, wenn er nicht das Unglück meines Landes wäre. Franzosen, wendet eure Aufmerksamkeit auf die Entdeckung, die ich eben gemacht habe.
Ich habe den Club der Jakobiner immer für ein notwendiges Gegenmittel zum despotischen Gift angesehen, diese Arznei ist heute selbst ein wahres despotisches Gift, es kann sehr subtil wirken und die wahren Freunde der Verfassung überrumpeln. Ich zweifelte an diesen Tatsachen, ich habe mich darüber informieren, ich habe das Unmögliche versuchen wollen: dieser Gesellschaft den wahren Weg darzustellen, das Vaterland und die Tugenden eines freien Volkes zu retten.
Ich habe ihr mein bon sens français ou l´apologie des vraies nobles gewidmet (man weiß, dass der Club der Jakobiner entschieden hat, mit Dankbarkeit all die Werke anzunehmen, die an ihn geschickt werden würden), allein das Meine hat eine vielleicht ehrenvolle Ausnahme erfahren, es wurde nach einer langen Debatte meines Namens wegen abgelehnt. „Die Autorin ist bekannt“, haben die Fanatiker dieser philosophischen Gesellschaft gerufen, die deren Zugänglichkeit für die wahren Freunde der Freiheit genauso gefährlich gemacht haben, wie es eine Räuberhöhle für einen Reisenden ohne Argwohn ist. „Die Autorin ist bekannt, sie schreibt gegen unsere Grundsätze, ihr Würdigungsschreiben muss zurückgewiesen werden.“ Diese Zurückweisung, obschon sehr ungeschickt nach der Beratung der Gesellschaft, erstaunt die Weisen nicht: Hätten diese Fanatiker eine Druckschrift annehmen können, die nichts verbreitet als eine sanfte Philosophie, die Annäherung aller Meinungen, die Vernichtung von Vorurteilen und Fanatismus, schließlich Nächstenliebe und vollkommene Gleichheit? Mitglieder der Nationalversammlung, empört über diese Zurückweisung, haben mich, nachdem sie dieses Werk gelesen hatten, ermutigt, damit an eine andere Versammlung zu appellieren. Am Mittwoch, den achtzehnten dieses Monats, habe ich es mit einem Brief an die Nationalversammlung geschickt, den ich am Ende anfüge. Dieser Brief wurde begrüßt bis zur Stelle, die sich auf die Gerechtigkeit bezieht, die ich Monsieur Pétion wegen dem Fest, das man ihm vorwirft, widerfahren lasse. Ich habe nicht das schreckliche Talent, einen Menschen, der sich gut beträgt, herabzusetzen, ich besitze nicht das Geschick, in Gedanken zu lesen, ich weiß nur nach Fakten zu urteilen. Ich halte Monsieur Pètion weder für einen Jakobiner noch für einen Feuillanten, früher mag er einer gewesen sein, aber heute ist er weder das eine noch das andere. Der Mensch lernt nur durch Erfahrung, und er hat gelernt, die wahre Pflicht eines hohen Beamten zu erfüllen. Auf diese Art habe ich ihn beurteilt in der schwierigen Position, in die er durch die Initiative der Jakobiner geraten ist wegen diesem schikanösen, grundlosen und verbrecherischen Prunk, der das Gesetz, die nationale Würde, und alles verletzt, was zu gebieten einzig ein ganzes Volk das Recht hat. Aber er hat die hungrigen Räuber gesehen, wie sie das Volk der Härte des Gesetzes ausliefern, er hat dieses gute Volk zufriedenstellen können und die verabscheuungswürdigen Feuillanten tadeln ihn ihrerseits immer noch, sie können ihre Wut nicht zurückhalten. Le bon sens français entlarvt sie. Sie rufen alle nach der Tagesordnung und gleichzeitig fragen sie nach dem Werk. Kaum haben sie eine Blick auf die Widmung an die Jakobiner geworfen, prangern sie es als hetzerisch an. „Herr Präsident“, rufen die vormaligen Minister, „einen Beschluss, einen Beschluss, um der Verbreitung eines verdächtigen Werkes Einhalt zu gebieten.“ Man geht zur Tagesordnung über und das hat mich vollends überzeugt, dass es keinen Zweifel mehr über die wahren Feinde des Vaterlandes gibt. Man muss zugeben, dass diese Letzteren die weniger gefährlichen sind, sie verstecken sich nicht wie die anderen unter dem Mantel des Patriotismus, sie haben nicht die Mehrheit der Bürger für sich und bald werden die Jakobiner ihrerseits nur mehr eine Minderheit haben.

[...]


© Übersetzung: Viktoria Frysak, Corinne Walter 2008