Olympe de Gouges (1748 - 1793)
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L'esprit français, 1792


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Ich habe das Gute vorgeschlagen, ich habe das Laster verfolgt und ich habe gezeigt, worüber es nachzudenken gilt, wenn es um die wichtigste der Fragen und um das zukünftige Wohl der Menschen geht.
Aber was sind in diesem Moment die schrecklichen Alternativen, vor denen die wahren Interessen des Vaterlandes stehen? Dieses Vaterland befindet sich heute zwischen zwei entsetzlichen Abgründen, in denen Artillerien aufgestellt sind, die es verschlingen sollen. Der Despotismus brennt darauf, es blutig zu erobern, die republikanische Anarchie möchte es lieber in Brand stecken, als einen Charakter sehen lassen, der einem freien Volk würdig ist. Das Feuer lodert im ganzen Königreich und man kann weder die Architekten dieser schrecklichen Komplotte noch die Befehlshaber der Brandstifter ausmachen. Sind es die Monarchisten? Die Republikaner und zudem die Cromwellisten, wohin gehen sie im gemeinschaftlichen Miteinander, trotz unterschiedlicher Interessen? Das ist die schmerzhafte Aussicht, die uns das entsetzliche Bild Frankreichs gibt. Das ist das Ergebnis der französischen Geisteshaltung.
Könnten doch diese Gedanken einen brüderlichen Krisengipfel erzeugen und die Herzen der rechtschaffenen Männer in der Sache des Landes zusammenbringen! Könnten doch diejenigen, die das Chaos hervorrufen und die die Anarchie als Patriotismus darstellen, und könnten doch schließlich die Kreaturen des Despotismus, die sich mit dem Mantel der konstitutionellen Monarchie bedecken, ausgeforscht werden und gemäß dem Gesetz als Aufrührer und Störenfriede der öffentlichen Ruhe auf dem Schafott sterben! Und könnten doch - zum letzten Mal - die patriotischen Journalisten erkennen, dass das öffentliche Interesse möglicherweise von ihrer Weisheit und ihrem reinen Bürgersinn abhängt, könnten sie doch jedem Sarkasmus abschwören, jeder Prominenz und jeder gewagten Verleumdung, die das Volk, indem ihm die Wahrheit verborgen wird, aufhetzen kann! Treue Wachposten der Bürgerinteressen und der sozialen Ruhe schließt untereinander einen Bund, der eure tiefste Abneigung gegenüber den Schreibern zum Ausdruck bringt, die von dem Zustand und dem Maß abgehen, das ihr hernehmt, um das Volk künftig zu erleuchten und um es nicht aufzuhetzen, bevor die Wahrheit der Sachverhalte ergründet ist. lasst ab von euren Vorlieben besonders für diese vulgären Kritiken, die das Volk nicht nur die Verachtung der Oberhäupter, sondern auch die des Gesetzes lehren.
Die Räuber ermorden unter dem Mantel des Bürgersinns die Organe des Gesetzes und liefern Frankreich der Plünderung aus. Und auf diese Art wird das Volk in Verwirrung gestürzt. Was für ein auffallendes Beispiel bietet nicht der Bürgermeister von Etampes[1] allen Journalisten, den Freunden der Freiheit!
Werden denn die Menschen niemals klug genug, menschlich genug, sein, um sich zur göttlichen Absicht zu erheben? All seine Erlässe finden sich in der Natur und alle sind verzerrt in den Händen der Menschen. Der Mensch ist von Natur aus gut geboren, schlecht durch die Gesellschaft, Lügner und Verleumder aus Gewohnheit, bestialisch durch Vorbild, wissend aus Schwärmerei, verstiegen durch Triebe; das ist das Leben der Menschen. Kaum haben sie ihre Füße auf der Erde, um sich einen Weg zu finden, geschieht es, dass diese bewegliche und zerbrechliche Erde sich unter ihren Schritten öffnet. Die Dummen! Sie leben nur einen Tag, eine Stunde, eine Minute im Vergleich zu den Jahrhunderten, und dieses kurze, schnelle Leben voller Unwetter, Gebrechen, Schändlichkeiten und menschlichen Schmerzen hat sie noch nicht zur Form einer weisen und menschlichen Regierung geführt.
Habe ich nun also in dieser kurzen Moral all meine guten Absichten unterzubringen geschafft und die nützlichen Mittel, die ich in diesem wortreichen und oft unpräzisen Werk vorschlage! Es liegt nicht in meiner Macht, meinen Eifer zu zügeln und ihn auf einen kurzen und präzisen Raum zu reduzieren, es liegt nicht in meiner Macht, den Leser durch einen glanzvollen und gefragten Stil mitzureißen. Eher natürlich als redegewandt, das ist meine Note. Die Sprachpfleger verpassen ihr das Siegel der Kritik, ich pfeife darauf, wenn ich die Freunde des Vaterlandes interessiere. Ich habe keine andere Hoffnung und mein Ziel ist damit erreicht.

[...]


[1] Jacques-Guillaume Simonneau, Bürgermeister vom Etampes, wurde am 3. März 1792 im Zuge einer Revolte der Bürger wegen des Hungers getötet. Er hatte sich an der Spitze der Soldaten dem Volk entgegengestellt und ihm bekundet, nicht gegen das Gesetz handeln zu können, woraufhin er umgebracht worden ist. Er galt in der Folge als Märtyrer für das Gesetz.



© Übersetzung: Viktoria Frysak, Corinne Walter 2008