| Le couvent
ou les vœux forcés, 1790
[...]
Erster Akt
Zweite Szene
Marquis de Leuville, Großvikar, Pfarrer
Marquis:
Unter jedem anderen Umstand wären Eure Gründe äußerst
angebracht, Herr Pfarrer, aber sie können hier nicht angewendet werden.
Pfarrer:
Was für ein großes Interesse beherrscht Euch, so unerbittlich
zu wollen, dass Julie die Gelübde leistet.
Großvikar:
Behauptet Ihr, dass der Herr Marquis Euch über sein Verhalten Rechenschaft
abzulegen hätte? Ich kenne seine Beweggründe und das muss Euch
reichen.
Pfarrer:
Verzeiht, Monsieur, ich weiß, dass Ihr in Eurer Eigenschaft als
Generalvikar in den Klöstern eine Autorität darstellt, die ich
nicht habe, aber zumindest mein Charakter entschuldigt meine Vorgehensweise
hinlänglich, und ich glaube nicht, dass der Herr Marquis es unterlassen
sollte, die Bedenken seines Pfarrers zu hören.
Großvikar:
Sie sind unnütz, und wenn es nötig sein sollte, befehle ich
Euch Stillschweigen.
Pfarrer:
Euer Ton zwingt mich, mein Drängen zu rechtfertigen.
(zum Marquis)
Lest, Monsieur, den Brief, den ich soeben erhalten habe.
Marquis, liest:
Es bleibt nur noch dieser eine Weg. Eilt herbei, Monsieur, ich beschwöre
Euch bei allen Gefühlen des Erbarmens und des Glaubens, die Euch
beseelen: Verhindert oder zumindest haltet auf, dass mander unglücklichen
Julie die Gelübde abzwingt. Um Euren Eifer anzufeuern, sollt Ihr
wissen, dass der Eigensinn des Marquis de Leuville eine geheime Ungerechtigkeit
verbirgt … Die Zeit wird sie vielleicht enthüllen … Ich
kann nicht mehr darüber sagen …
(beiseite, ein wenig abwesend und befangen)
Es ist Angélique, es ist meine Schwester, die diese Zeilen geschrieben
hat: Hat sie Julie über das Geheimnis ihrer Geburt informiert?
(zum Pfarrer, nachdem er seine Verwirrung abgelegt hat)
Nun, dieser Brief ist anonym, würden Sie bei einem ähnlichen
Schreiben Ihr Pläne sein lassen?
Pfarrer:
Hüten Sie sich, Monsieur, vor gewissen Umständen, deren Wirklichkeit
unklar ist, an die ich mich beim Lesen erinnert habe … Ihr hattet
früher eine Schwester … Die Heirat, die Eure Zustimmung nicht
fand … Der plötzliche Tod ihres Ehemannes … Das Verschwinden
dieser Schwester und ihres Kindes, das noch in den Windeln lag …
Ein bis heute undurchdringlicher Schleier hat über diesen Ereignissen
nichts als Vermutungen gelassen.
Marquis, mit geballtem Zorn:
Herr Pfarrer …
Großvikar:
Wer hat Euch mit der Sorge um die Familie des Herrn Marquis betraut und
wie könnt Ihr die Barmherzigkeit so weit vergessen, dass Ihr Euch
gehässige Vermutungen erlaubt?
Pfarrer:
Der Himmel, der die Reinheit meiner Absichten kennt, weiß, dass
ich nichts vermute, dass ich sogar das ehrenrührige Gerede über
Monsieur de Leuvillle zurückweise.
Marquis:
Tut noch mehr, entsagt diesem Widerstand, der übrigens zu nichts
führen würde, weil die Gelübde der Novizin zwischen der
Frau Äbtissin und mir definitiv vereinbart sind.
Großvikar:
Denkt schließlich an das Interesse des Himmels, der auf diesen neuen
Triumph der Religion wartet. Lasst die unschuldige Hände sich ruhig
der Verehrung der Altäre weihen.
Pfarrer:
Ach! Wenn das Opfer freiwillig wäre, wenn es sich fügte in einem
Alter, in dem die Vernunft und die Erfahrung es ermöglichen, sich
davon im ganzen Ausmaß zu überzeugen, obgleich es der Natur
widerstrebt, würde ich ihm gerne zustimmen. Aber mit sechzehn Jahren,
in dieser Phase des Lebens, in der das unsichere Herz sich selbst zu erkennen
versucht, in der die ersten Gefühle sich zu entwickeln beginnen,
in diesem Alter, in dem die Unschuld so schüchtern ist, dass sie
sich ohne zu murren unter das Joch beugt, das man ihr auferlegt, in diesem
Alter die Selbstverleugnung zu befehlen, das unbegreiflichste aller Opfer
anzuordnen, ein blindlings gefügiges Kind in Ketten zu legen, die
niemals zerbrechen werden, das bedeutet das höchste Wesen zu beleidigen.
Das bedeutet, sich dem ewigen Gesetz der Schöpfung zu widersetzen,
das bedeutet die Verehrung eines Gottes des Friedens zur Barbarei zu machen.
Großvikar:
Was wagt Ihr gegen diese Religion zu äußern, deren Strenge
Ihr missversteht! Vergesst Ihr, dass sie nur den reinen Händen ohne
Makel Zugang zu ihren Altäre gewährt? Vergesst Ihr, dass der
Welt zu entsagen die erste Pflicht derjenigen ist, die sich dem heiligen
Amt weihen?
Pfarrer:
Dem Himmel würde gefallen, dass kein menschliches Motiv jemals diese
Menge an Ehrgeizlern berufen hätte, die im priesterlichen Leben nur
einen allzu einfachen Weg sieht, zu Vermögen zu kommen und sich all
die Genüsse der Verweichlichung und des Luxus zu verschaffen! Die
Kirche müsste nicht erröten über die Verdorbenheit der
Sitten ihrer Amtsträger, die, wenn sie weniger üppig wären,
ehrwürdiger wären.
Marquis:
Was! Monsieur, dessen so reiner Eifer und dessen strenge Sitten unserer
Herde als Beispiel dienen, Ihr predigt eine durch angebliche Philosophen
leider der Mode unterworfene Moral? Ihr seid ein Lobredner des Irrtums?
Pfarrer:
Die Religion befiehlt nicht die Taubheit gegenüber der Stimme der
Natur. Ihre Lehrsätze mit den Pflichten der Gesellschaft in Einklang
zu bringen, das ist die Moral, das ist die Anleitung, die wir den Menschen
schulden. Lasst diejenigen sich dem Dienst an den Altären weihen,
die eine besondere Berufung dahinführt in einem Alter, in dem die
Vernunft sie ausreichendüber die Wahl einer Stellung erleuchten konnte,
an der es so schwierig ist, Gefallen zu finden. Aber nehmt Abstand von
der tyrannischen Macht, die scheue Unschuld, die ihr in das Kloster sperrt,
zum Jammer zu verurteilen. Denkt daran, dass das Recht, sich seinen Platz
in der Gesellschaft frei zu wählen jedem denkenden Wesen von Natur
aus zukommt und dass die erste aller Pflichten die ist, sich nützlich
zu machen.
Marquis:
Das sind überflüssige Erwägungen, die meinen Entschluss
nicht erschüttern können. Julie ist ohne Vermögen, wenn
ihre Mitgift bezahlt ist und ihre Gelübde geleistet sind, werde ich
mich für immer befreit fühlen von der Sorge, die ich für
sie gerne übernommen habe.
Pfarrer:
Fürchtet Euch davor, von ihr einen allzu hohen Preis für die
Dienste zu fordern… sicherlich großzügig … schwaches
und unglückliches Geschlecht, zu oft den barbarischen Konventionen
geopfert. Man untersagt dir die Möglichkeit über die unwichtigste
Erwägung des Schicksals zu bestimmen, jedoch kettet man dich durch
unverletzliche Schwüre fest, man will, dass du einen Vertrag unterzeichnen
kannst, vor dem die Vernunft erschaudert.
[...]
© Übersetzung: Viktoria Frysak, Corinne Walter 2008
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