Olympe de Gouges (1748 - 1793)
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Le couvent ou les vœux forcés, 1790


[...]

Erster Akt

Zweite Szene
Marquis de Leuville, Großvikar, Pfarrer

Marquis:
Unter jedem anderen Umstand wären Eure Gründe äußerst angebracht, Herr Pfarrer, aber sie können hier nicht angewendet werden.

Pfarrer:
Was für ein großes Interesse beherrscht Euch, so unerbittlich zu wollen, dass Julie die Gelübde leistet.

Großvikar:
Behauptet Ihr, dass der Herr Marquis Euch über sein Verhalten Rechenschaft abzulegen hätte? Ich kenne seine Beweggründe und das muss Euch reichen.

Pfarrer:
Verzeiht, Monsieur, ich weiß, dass Ihr in Eurer Eigenschaft als Generalvikar in den Klöstern eine Autorität darstellt, die ich nicht habe, aber zumindest mein Charakter entschuldigt meine Vorgehensweise hinlänglich, und ich glaube nicht, dass der Herr Marquis es unterlassen sollte, die Bedenken seines Pfarrers zu hören.

Großvikar:
Sie sind unnütz, und wenn es nötig sein sollte, befehle ich Euch Stillschweigen.

Pfarrer:
Euer Ton zwingt mich, mein Drängen zu rechtfertigen.
(zum Marquis)
Lest, Monsieur, den Brief, den ich soeben erhalten habe.

Marquis, liest:
Es bleibt nur noch dieser eine Weg. Eilt herbei, Monsieur, ich beschwöre Euch bei allen Gefühlen des Erbarmens und des Glaubens, die Euch beseelen: Verhindert oder zumindest haltet auf, dass mander unglücklichen Julie die Gelübde abzwingt. Um Euren Eifer anzufeuern, sollt Ihr wissen, dass der Eigensinn des Marquis de Leuville eine geheime Ungerechtigkeit verbirgt … Die Zeit wird sie vielleicht enthüllen … Ich kann nicht mehr darüber sagen …
(beiseite, ein wenig abwesend und befangen)
Es ist Angélique, es ist meine Schwester, die diese Zeilen geschrieben hat: Hat sie Julie über das Geheimnis ihrer Geburt informiert?
(zum Pfarrer, nachdem er seine Verwirrung abgelegt hat)
Nun, dieser Brief ist anonym, würden Sie bei einem ähnlichen Schreiben Ihr Pläne sein lassen?

Pfarrer:
Hüten Sie sich, Monsieur, vor gewissen Umständen, deren Wirklichkeit unklar ist, an die ich mich beim Lesen erinnert habe … Ihr hattet früher eine Schwester … Die Heirat, die Eure Zustimmung nicht fand … Der plötzliche Tod ihres Ehemannes … Das Verschwinden dieser Schwester und ihres Kindes, das noch in den Windeln lag … Ein bis heute undurchdringlicher Schleier hat über diesen Ereignissen nichts als Vermutungen gelassen.

Marquis, mit geballtem Zorn:
Herr Pfarrer …

Großvikar:
Wer hat Euch mit der Sorge um die Familie des Herrn Marquis betraut und wie könnt Ihr die Barmherzigkeit so weit vergessen, dass Ihr Euch gehässige Vermutungen erlaubt?

Pfarrer:
Der Himmel, der die Reinheit meiner Absichten kennt, weiß, dass ich nichts vermute, dass ich sogar das ehrenrührige Gerede über Monsieur de Leuvillle zurückweise.

Marquis:
Tut noch mehr, entsagt diesem Widerstand, der übrigens zu nichts führen würde, weil die Gelübde der Novizin zwischen der Frau Äbtissin und mir definitiv vereinbart sind.

Großvikar:
Denkt schließlich an das Interesse des Himmels, der auf diesen neuen Triumph der Religion wartet. Lasst die unschuldige Hände sich ruhig der Verehrung der Altäre weihen.

Pfarrer:
Ach! Wenn das Opfer freiwillig wäre, wenn es sich fügte in einem Alter, in dem die Vernunft und die Erfahrung es ermöglichen, sich davon im ganzen Ausmaß zu überzeugen, obgleich es der Natur widerstrebt, würde ich ihm gerne zustimmen. Aber mit sechzehn Jahren, in dieser Phase des Lebens, in der das unsichere Herz sich selbst zu erkennen versucht, in der die ersten Gefühle sich zu entwickeln beginnen, in diesem Alter, in dem die Unschuld so schüchtern ist, dass sie sich ohne zu murren unter das Joch beugt, das man ihr auferlegt, in diesem Alter die Selbstverleugnung zu befehlen, das unbegreiflichste aller Opfer anzuordnen, ein blindlings gefügiges Kind in Ketten zu legen, die niemals zerbrechen werden, das bedeutet das höchste Wesen zu beleidigen. Das bedeutet, sich dem ewigen Gesetz der Schöpfung zu widersetzen, das bedeutet die Verehrung eines Gottes des Friedens zur Barbarei zu machen.

Großvikar:
Was wagt Ihr gegen diese Religion zu äußern, deren Strenge Ihr missversteht! Vergesst Ihr, dass sie nur den reinen Händen ohne Makel Zugang zu ihren Altäre gewährt? Vergesst Ihr, dass der Welt zu entsagen die erste Pflicht derjenigen ist, die sich dem heiligen Amt weihen?

Pfarrer:
Dem Himmel würde gefallen, dass kein menschliches Motiv jemals diese Menge an Ehrgeizlern berufen hätte, die im priesterlichen Leben nur einen allzu einfachen Weg sieht, zu Vermögen zu kommen und sich all die Genüsse der Verweichlichung und des Luxus zu verschaffen! Die Kirche müsste nicht erröten über die Verdorbenheit der Sitten ihrer Amtsträger, die, wenn sie weniger üppig wären, ehrwürdiger wären.

Marquis:
Was! Monsieur, dessen so reiner Eifer und dessen strenge Sitten unserer Herde als Beispiel dienen, Ihr predigt eine durch angebliche Philosophen leider der Mode unterworfene Moral? Ihr seid ein Lobredner des Irrtums?

Pfarrer:
Die Religion befiehlt nicht die Taubheit gegenüber der Stimme der Natur. Ihre Lehrsätze mit den Pflichten der Gesellschaft in Einklang zu bringen, das ist die Moral, das ist die Anleitung, die wir den Menschen schulden. Lasst diejenigen sich dem Dienst an den Altären weihen, die eine besondere Berufung dahinführt in einem Alter, in dem die Vernunft sie ausreichendüber die Wahl einer Stellung erleuchten konnte, an der es so schwierig ist, Gefallen zu finden. Aber nehmt Abstand von der tyrannischen Macht, die scheue Unschuld, die ihr in das Kloster sperrt, zum Jammer zu verurteilen. Denkt daran, dass das Recht, sich seinen Platz in der Gesellschaft frei zu wählen jedem denkenden Wesen von Natur aus zukommt und dass die erste aller Pflichten die ist, sich nützlich zu machen.

Marquis:
Das sind überflüssige Erwägungen, die meinen Entschluss nicht erschüttern können. Julie ist ohne Vermögen, wenn ihre Mitgift bezahlt ist und ihre Gelübde geleistet sind, werde ich mich für immer befreit fühlen von der Sorge, die ich für sie gerne übernommen habe.

Pfarrer:
Fürchtet Euch davor, von ihr einen allzu hohen Preis für die Dienste zu fordern… sicherlich großzügig … schwaches und unglückliches Geschlecht, zu oft den barbarischen Konventionen geopfert. Man untersagt dir die Möglichkeit über die unwichtigste Erwägung des Schicksals zu bestimmen, jedoch kettet man dich durch unverletzliche Schwüre fest, man will, dass du einen Vertrag unterzeichnen kannst, vor dem die Vernunft erschaudert.


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© Übersetzung: Viktoria Frysak, Corinne Walter 2008