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Le Prince
Philosophe
[...]
[Almoladin, der König von Siam,] stellte drei absonderliche
Fragen zur öffentlichen Diskussion durch drei Personen jeden Geschlechts:
einen Greis von 60 Jahren, einen jungen Mann von 25 Jahren und ein Kind
von zehn Jahren und Frauen in etwa demselben Alter.
Die erste Frage war herauszufinden, ob man den jungen Fräuleins eine
Erziehung geben sollte, die härter als ihre körperliche Verfassung
war. Die zweite war zu entscheiden, ob Frauen genug Mut und Geisteskraft
besäßen, um unbeugbar und konstant in ihrer Meinung zu sein.
Schließlich die dritte, ob sie bei dieser gewissen Entwicklung,
die die Frauen durchmachten, wenn sie heiratsfähig oder wenn sie
Mütter wurden, nicht verlangen würden geschont zu werden, und
ob diese Schonung nicht unvereinbar sei mit den Pflichten, die die Männer
zu erfüllen verpflichtet sind.
Die Kinder sollten sich zum ersten Punkt äußern, die jungen
Leute zum zweiten und die Alten zum dritten. Man suchte in den drei Kategorien
nach den bedeutendsten Menschen in Siam.
Idamée[, die Königin], glücklich mit dem Vorschlag des
Königs, freute sich, dass auf diesem Weg ihr Plan den größten
Erfolg haben könnte. Sie ließ es sich nicht nehmen, in ihrem
Geschlecht die Personen zu wählen, die zu ihren Absichten passen
würde. Der Berater brachte ihr ein junges Mädchen, das unter
jungen Burschen aufgewachsen war und von dem nur er allein das Geschlecht
kannte. Idamée ließ sie zu sich kommen und war mit ihrem
Reden so zufrieden, wie man zufriedener nicht sein konnte. Mit der Person
von 20 Jahren und mit der von 50 war es nicht dasselbe, obschon sie sehr
belesen waren. Sie hatten nicht den Mut und die Unerschrockenheit der
jungen Person. Das zeigte Idamée, wie alles von der Erziehung abhing.
Man setzte ihr einen jungen Mann entgegen, der sowohl im Körperbau
als auch im Charakter schwächer war als sie. Sie trugen dieselben
Kleider, sodass am Tag des Ereignisses sich alle Welt in die Irre führen
ließ.
Die Zusammenkunft fand in einem der Höfe des Palastes
statt, so groß und so hoheitsvoll in seiner Bauart, dass man noch
nie eine gewaltigere Versammlung gesehen hatte. Die zwei Geschlechter
waren getrennt, die Fenster und Balkone waren auf jeder Seite gleich mit
Frauen und Männern besetzt. Man hatte einen Thron für die Königin
errichtet, die all die Frauen überragte, die sie umringten. Der König
von Siam war ebenfalls von all seinen Männern umgeben und war auf
einen Thron gesetzt.
Zwischen diesen beiden Thronen war eine Art Bühne, wo die beiden
Geschlechter, die die vorgeschlagenen Aufgaben diskutieren und entscheiden
sollten, im Blickfeld aller Zuschauer waren. Der König überließ
die Wahl des Themas, das die Versammlung eröffnen sollte, der Königin.
Idamée war geschickt genug zu verlangen, dass man zuerst die Kraft
auf die Probe stellen sollte.
Die zwei Kinder von zehn Jahren bestiegen als erste die
Bühne, um miteinander zu kämpfen. Sie kämpften lange, aber
schließlich war der Sieg bei den Frauen. Der König, der dachte,
dass der junge Mann der Sieger war, sagte zu Idamée: „Das
ist schon der erste verlorene Punkt, Madame.“
Er glaubte, dass derjenige, der eine zartere Gestalt hatte, das junge
Mädchen war. Dieser Irrtum amüsierte die Königin und die
Hofdamen, die um das Geheimnis wussten, unendlich. Almoladin konnte trotz
seiner Weisheit die Verwechslung nicht begreifen. Der kleine Bub, der
seinen Selbstwert gedemütigt fühlte, schlug vor, sich mit dem
Florett zu messen. Er wusste perfekt mit Waffen umzugehen. Das kleine
Mädchen nahm die Herausforderung mit Freude an, aber Idamée
zitterte. Sie wusste nicht, ob diese junge Person gelernt hatte, damit
umzugehen. Ein zweiter Triumph, der noch schneller als der erste erzielt
war, erschütterte Almoladin vollends, der nicht umhin konnte, das
kleine Mädchen krönen zu lassen. Er zweifelte an ihrem Geschlecht,
er ließ sie näher zu sich kommen und, nachdem er sie gut angesehen
hatte, vermutete er immer noch, dass man ihn getäuscht hatte. Er
wollte einiges von ihr wissen und endete damit, sie zu fragen, welches
ihr Geschlecht sei. Das kleine Mädchen antwortete mit festem und
gewaltigem Tonfall, indem es ihm sein Florett zeigte: „Sire, mein
Geschlecht ist das Ergebnis dieses Instruments.“
Der König war durch diese Antwort verwirrt. „Ist das ein Mädchen?
Ist das ein Bub?“, fragte er sich. Der Berater sowie der Vater des
jungen Fräuleins klärten Almoladin auf, und er erkannte, dass
die Ausbildung alles war, dass es aber zu gefährlich sein würde,
alle Frauen wie diese kleine Kämpferin zu erziehen. Er sagte ganz
leise zum Berater und ihrem Vater: „Eines Tages wird dieses Kind
in meinem Königreich ein bedeutender Mann sein, aber ich will nur
einen dieser Art.“
Man führte das kleine Mädchen in den Triumph. Alle Damen warfen
ihm Lorbeeren und Kronen zu. Die Königin hatte insgeheim stark gehofft,
dass es bei dem ersten Bewerb bleiben würde.
Der Zufall hatte zwei Liebende auf die Bühne gebracht,
die sich heimlich verehrten.
Der junge Mann hatte ein Plädoyer über die Liebe vorbereitet,
in dem er dem anderen Geschlecht die Gefahren zeigte, denen es sich bei
diesem Unterfangen aussetzte. Er hatte zu sich selbst gesagt: „Das
ist der einzige Weg, den Sieg über dieses gefährliche Geschlecht
zu erringen und meine Geliebte als meinen Lohn zu erhalten.“
Die junge Frau hatte sich, ganz im Gegenteil, gut vorbereitet in Politik,
Philosophie und mit Bemerkungen zu den profundesten Wissenschaften. Sie
sprach als erste und begann mit einer großen Rede über die
Existenz von Materie, über ihre Ursachen und über die Elemente.
Die Erwiderung des jungen Mannes war einfach und gefällig. Er warf
sich zu ihren Füßen und zeigte sie der Öffentlichkeit:
„Das ist die schönste Zierde der Natur“, rief er, „und
von nun an wird sie ihr Schrecken sein. Der Liebreiz wird seine Ketten
aus Blumen in Ketten aus Eisen verwandeln.“
Er griff nach der Hand der jungen Person, deren Verwirrung bereits allen
Augen aufgefallen war, und sagte feurig zu ihr: „Was? Ihr, die ihr
mit einem einzigen Blick Cäsar und Alexander zu Fall brachtet, ihr
wollt über uns mit Kraft und Mut regieren? Ach, welche Macht haben
nicht zwei schöne Augen über das Herz des Mannes! Es wird von
jetzt an also nötig sein, sie zu verachten, ihnen zu trotzen und
gegen sie zu kämpfen. Die Schönheit wird ihren Anmut verlieren
unter diesem schweren und groben Kostüm!“
Die junge Frau wollte beharren und dieses Argument bekämpfen, aber
sie kam durcheinander und verlor völlig den Faden ihrer Rede.
Idamée errötete für die junge Frau genauso wie all die
anderen Frauen, aber der Geliebte war Sieger und man war gezwungen einzusehen,
dass die Frauen in der Liebe schwächer als die Männer waren,
weil sie ja in der Öffentlichkeit einen so überzeugenden Beweis
dafür geboten hatten.
Die junge Frau versuchte ein drittes Mal, ihre Rede wieder aufzunehmen,
aber ihre Stimme riss ab. Sie schaffte nichts, als zu stottern, und der
siegreiche Geliebte endete, indem er ihr sagte: „Wie diese liebenswerte
Verwirrung Sie interessant macht! Die scheue Schönheit ist hundert
Mal berührender, als wenn sie sich in einen ernsten Redner verwandeln
wollte. Es sollen aus einem schönen Mund nur Worte kommen, die die
Seele durchdringen und geradewegs ins Herz gehen, und nicht solche großen
moralischen und philosophischen Sätze.“
Die junge Person konnte nicht länger Stand halten und ließ
das Heft aus ihrer Hand fallen, worin die Weiterführung ihrer Rede
gedruckt war.
Die Alte, wütend über diesen Fall, kam mit großen Schritten
herauf und schickte die junge Frau mit einer Härte, die die Männer
beeindruckte, fort, hob das Heft in Rage auf und sagte: „Besser
ich beende, was diese kleine Närrin begonnen hat. Wer ist derjenige,
der sich traut, mit mir in den Ring zu steigen?“
Der Alte von sechzig Jahren, der ein wenig gebrechlich war, erreichte
nur mit großer Mühe die Bühne. Er begann die Heldin, die
er zu bekämpfen hatte, anzuschauen. Er trug eine große Brille
auf der Nase, und weil er ziemlich klein und seine Antagonistin ziemlich
groß war, war er gezwungen den Kopf zu heben, um sie zu sehen: „Oh
Götter!“, rief der Alte aus, „Was für eine schöne
Person, die ich sehe. Und für ihr Alter ist sie gut erhalten!“
Die Alte begann sich zu empören und aufzuplustern. „Potzblitz!“,
sagte sie, „Monsieur, ich weiß das längst, aber das ist
es nicht, worum es sich handelt. Sie müssen mir Gründe entgegensetzen,
die genauso überzeugend sind wie die, die sie mir gerade für
meine Frische vorgesetzt haben, und die beweisen, dass wir nicht in der
Lage sind, Güter und Stellen zu verwalten und ein Bataillon zu kommandieren,
wenn der Fall es erfordert.“
„So ein Fall ist nicht möglich“, antwortete der Greis
trocken. „Die Frauen sind, um mit deutlichen Worten zu sprechen,
nur im Haushalt am richtigen Platz: Sie haben weder genug Durchhaltevermögen,
noch genug Fähigkeiten, noch genug Kaltblütigkeit, um die wichtigen
Angelegenheiten zu lenken.“
„Kommt schon, guter Mann!“ erwiderte ihm die Alte. „Ihr
schwatzt, mein Freud! Ihr seid nicht in der Lage, darüber zu sprechen.“
Der Alte, den das Gerede nicht erschreckte, war ziemlich sicher, dass
er die Dame von fünfzig Jahren aufs Äußerste reizen würde,
wenn er die Höflichkeit verdoppelte, während er noch gute Gründe
anführte.
„Oh weh, Madame!“, setzte er fort. „Was hat Euer Geschlecht
Euch getan, dass Ihr es so vielem Übel aussetzen wollt? Erträgt
es nicht schon genug Mühen und Leiden? Ach! Warum soll es der Freude
zu gefallen und zu bezaubern beraubt werden? Das ist doch seine Beschäftigung.
Die unsere ist es, die Aufgaben des Geistes und des Körpers zu übernehmen.“
„Glaubt Ihr“, fragte ihn die Greisin, „dass wir nicht
in der Lage sind, diese gleichen Aufgaben zu erfüllen? Dass wir Euch
darin dennoch gefallen und vielleicht sogar mehr, das ist es, was Ihr
fürchtet.“
„Ah! Warum sollten wir nicht all das fürchten, was außerhalb
seiner Natur ist?“, erwiderte ihr der Alte. „Sie hat euch
nicht auf eine Art begünstigt, das vertreten zu können, was
Ihr vorbringt.“
„Hier muss ich euch unterbrechen!“, sagte sie zu ihm. „Sie
hat uns nicht begünstigt!? Und Ihr seid doch gerade davon überzeugt
worden durch dieses junge Mädchen von zehn Jahren.“ „Ich
selbst“, setzte sie hinzu, „bin ich nicht stärker und
rüstiger als Ihr? Bin ich nicht besser in der Lage zu handeln und
zu reden?“
Der Greis blieb bei dieser Entgegnung für einen Moment dumm und verlegen.
„Aber“, sagte er, „wenn Ihr jemanden zu Tode verurteilen
oder die Folter befehlen müsst, um ein Verbrechen zu bestrafen, was
macht Ihr mit dieser zarten Empfindsamkeit, die die Natur Euch gegeben
hat anstelle von Kraft und Mut?“
„Man gewöhnt sich an alles“, antwortete sie. „Und
wenn es notwendig ist, einen Leichnam zu sezieren, schreckt Ihr nicht
vor Entsetzen allein bei diesem Wort zurück?“
„Und wenn es so wäre. Schrecken nicht alle Schüler der
Chirurgie beim ersten Mal davor zurück? Aber was ist, wenn es darum
geht, mit einer ernsten und heiklen Angelegenheit zwischen zwei Herrschern
umzugehen, den Platz eines weisen Botschafters zu erfüllen?“
„Oh, da braucht ihr keine Angst zu haben! Die Kunst, sich nichts
anmerken zu lassen, ist den Frauen angeboren.“
Almoladin zitterte berechtigterweise und sah, dass der Greis dabei war
nachzugeben. Es blieb ihm nur noch ein Argument.
„Aber ich nehme an“, sagte der Alte zu ihr, „dass die
Botschafterin jung und schön und dass der feindliche Herrscher liebenswert
und überzeugend ist und dass er versuchen wird, die Botschafterin
zu verführen. Wenn sie erliegt: Auf Wiedersehen, Staatsangelegenheiten!“
„Stets zu Ihren Diensten!“, antwortete ihm die schlaue Alte,
„Der Herrscher wäre in größerer Gefahr als die Botschafterin,
und wir würden in unserer Angelegenheit obsiegen. Das ist die ganze
Gefahr, die besteht, wenn die wichtigen Angelegenheiten unseren Händen
überantwortet würden. Wir werden ihnen immer alle Ehre machen,
auf welche Art man sich uns gegenüber auch verhält.“
„Aber das wäre kein gute Art und Weise!“, sagte der Greis
im Zorn zu ihr.
„Wen kümmert das! Die Politik wendet wohl noch ganz andere
Mittel an, schrecklichere und weniger großzügige.“
Bei diesen Worten klatschten alle Frauen in die Hände, und zwei Mal
die Lorbeeren zu gewinnen, war in dieser besonderen Angelegenheit mehr
wert als bloß ein Mal.
[...]
© Übersetzung: Viktoria Frysak, Corinne Walter 2008
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