Olympe de Gouges (1748 - 1793)
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Le Prince Philosophe


[...]

[Almoladin, der König von Siam,] stellte drei absonderliche Fragen zur öffentlichen Diskussion durch drei Personen jeden Geschlechts: einen Greis von 60 Jahren, einen jungen Mann von 25 Jahren und ein Kind von zehn Jahren und Frauen in etwa demselben Alter.
Die erste Frage war herauszufinden, ob man den jungen Fräuleins eine Erziehung geben sollte, die härter als ihre körperliche Verfassung war. Die zweite war zu entscheiden, ob Frauen genug Mut und Geisteskraft besäßen, um unbeugbar und konstant in ihrer Meinung zu sein. Schließlich die dritte, ob sie bei dieser gewissen Entwicklung, die die Frauen durchmachten, wenn sie heiratsfähig oder wenn sie Mütter wurden, nicht verlangen würden geschont zu werden, und ob diese Schonung nicht unvereinbar sei mit den Pflichten, die die Männer zu erfüllen verpflichtet sind.
Die Kinder sollten sich zum ersten Punkt äußern, die jungen Leute zum zweiten und die Alten zum dritten. Man suchte in den drei Kategorien nach den bedeutendsten Menschen in Siam.
Idamée[, die Königin], glücklich mit dem Vorschlag des Königs, freute sich, dass auf diesem Weg ihr Plan den größten Erfolg haben könnte. Sie ließ es sich nicht nehmen, in ihrem Geschlecht die Personen zu wählen, die zu ihren Absichten passen würde. Der Berater brachte ihr ein junges Mädchen, das unter jungen Burschen aufgewachsen war und von dem nur er allein das Geschlecht kannte. Idamée ließ sie zu sich kommen und war mit ihrem Reden so zufrieden, wie man zufriedener nicht sein konnte. Mit der Person von 20 Jahren und mit der von 50 war es nicht dasselbe, obschon sie sehr belesen waren. Sie hatten nicht den Mut und die Unerschrockenheit der jungen Person. Das zeigte Idamée, wie alles von der Erziehung abhing.
Man setzte ihr einen jungen Mann entgegen, der sowohl im Körperbau als auch im Charakter schwächer war als sie. Sie trugen dieselben Kleider, sodass am Tag des Ereignisses sich alle Welt in die Irre führen ließ.

Die Zusammenkunft fand in einem der Höfe des Palastes statt, so groß und so hoheitsvoll in seiner Bauart, dass man noch nie eine gewaltigere Versammlung gesehen hatte. Die zwei Geschlechter waren getrennt, die Fenster und Balkone waren auf jeder Seite gleich mit Frauen und Männern besetzt. Man hatte einen Thron für die Königin errichtet, die all die Frauen überragte, die sie umringten. Der König von Siam war ebenfalls von all seinen Männern umgeben und war auf einen Thron gesetzt.
Zwischen diesen beiden Thronen war eine Art Bühne, wo die beiden Geschlechter, die die vorgeschlagenen Aufgaben diskutieren und entscheiden sollten, im Blickfeld aller Zuschauer waren. Der König überließ die Wahl des Themas, das die Versammlung eröffnen sollte, der Königin. Idamée war geschickt genug zu verlangen, dass man zuerst die Kraft auf die Probe stellen sollte.

Die zwei Kinder von zehn Jahren bestiegen als erste die Bühne, um miteinander zu kämpfen. Sie kämpften lange, aber schließlich war der Sieg bei den Frauen. Der König, der dachte, dass der junge Mann der Sieger war, sagte zu Idamée: „Das ist schon der erste verlorene Punkt, Madame.“
Er glaubte, dass derjenige, der eine zartere Gestalt hatte, das junge Mädchen war. Dieser Irrtum amüsierte die Königin und die Hofdamen, die um das Geheimnis wussten, unendlich. Almoladin konnte trotz seiner Weisheit die Verwechslung nicht begreifen. Der kleine Bub, der seinen Selbstwert gedemütigt fühlte, schlug vor, sich mit dem Florett zu messen. Er wusste perfekt mit Waffen umzugehen. Das kleine Mädchen nahm die Herausforderung mit Freude an, aber Idamée zitterte. Sie wusste nicht, ob diese junge Person gelernt hatte, damit umzugehen. Ein zweiter Triumph, der noch schneller als der erste erzielt war, erschütterte Almoladin vollends, der nicht umhin konnte, das kleine Mädchen krönen zu lassen. Er zweifelte an ihrem Geschlecht, er ließ sie näher zu sich kommen und, nachdem er sie gut angesehen hatte, vermutete er immer noch, dass man ihn getäuscht hatte. Er wollte einiges von ihr wissen und endete damit, sie zu fragen, welches ihr Geschlecht sei. Das kleine Mädchen antwortete mit festem und gewaltigem Tonfall, indem es ihm sein Florett zeigte: „Sire, mein Geschlecht ist das Ergebnis dieses Instruments.“
Der König war durch diese Antwort verwirrt. „Ist das ein Mädchen? Ist das ein Bub?“, fragte er sich. Der Berater sowie der Vater des jungen Fräuleins klärten Almoladin auf, und er erkannte, dass die Ausbildung alles war, dass es aber zu gefährlich sein würde, alle Frauen wie diese kleine Kämpferin zu erziehen. Er sagte ganz leise zum Berater und ihrem Vater: „Eines Tages wird dieses Kind in meinem Königreich ein bedeutender Mann sein, aber ich will nur einen dieser Art.“
Man führte das kleine Mädchen in den Triumph. Alle Damen warfen ihm Lorbeeren und Kronen zu. Die Königin hatte insgeheim stark gehofft, dass es bei dem ersten Bewerb bleiben würde.

Der Zufall hatte zwei Liebende auf die Bühne gebracht, die sich heimlich verehrten.
Der junge Mann hatte ein Plädoyer über die Liebe vorbereitet, in dem er dem anderen Geschlecht die Gefahren zeigte, denen es sich bei diesem Unterfangen aussetzte. Er hatte zu sich selbst gesagt: „Das ist der einzige Weg, den Sieg über dieses gefährliche Geschlecht zu erringen und meine Geliebte als meinen Lohn zu erhalten.“
Die junge Frau hatte sich, ganz im Gegenteil, gut vorbereitet in Politik, Philosophie und mit Bemerkungen zu den profundesten Wissenschaften. Sie sprach als erste und begann mit einer großen Rede über die Existenz von Materie, über ihre Ursachen und über die Elemente. Die Erwiderung des jungen Mannes war einfach und gefällig. Er warf sich zu ihren Füßen und zeigte sie der Öffentlichkeit: „Das ist die schönste Zierde der Natur“, rief er, „und von nun an wird sie ihr Schrecken sein. Der Liebreiz wird seine Ketten aus Blumen in Ketten aus Eisen verwandeln.“
Er griff nach der Hand der jungen Person, deren Verwirrung bereits allen Augen aufgefallen war, und sagte feurig zu ihr: „Was? Ihr, die ihr mit einem einzigen Blick Cäsar und Alexander zu Fall brachtet, ihr wollt über uns mit Kraft und Mut regieren? Ach, welche Macht haben nicht zwei schöne Augen über das Herz des Mannes! Es wird von jetzt an also nötig sein, sie zu verachten, ihnen zu trotzen und gegen sie zu kämpfen. Die Schönheit wird ihren Anmut verlieren unter diesem schweren und groben Kostüm!“
Die junge Frau wollte beharren und dieses Argument bekämpfen, aber sie kam durcheinander und verlor völlig den Faden ihrer Rede.
Idamée errötete für die junge Frau genauso wie all die anderen Frauen, aber der Geliebte war Sieger und man war gezwungen einzusehen, dass die Frauen in der Liebe schwächer als die Männer waren, weil sie ja in der Öffentlichkeit einen so überzeugenden Beweis dafür geboten hatten.
Die junge Frau versuchte ein drittes Mal, ihre Rede wieder aufzunehmen, aber ihre Stimme riss ab. Sie schaffte nichts, als zu stottern, und der siegreiche Geliebte endete, indem er ihr sagte: „Wie diese liebenswerte Verwirrung Sie interessant macht! Die scheue Schönheit ist hundert Mal berührender, als wenn sie sich in einen ernsten Redner verwandeln wollte. Es sollen aus einem schönen Mund nur Worte kommen, die die Seele durchdringen und geradewegs ins Herz gehen, und nicht solche großen moralischen und philosophischen Sätze.“
Die junge Person konnte nicht länger Stand halten und ließ das Heft aus ihrer Hand fallen, worin die Weiterführung ihrer Rede gedruckt war.

Die Alte, wütend über diesen Fall, kam mit großen Schritten herauf und schickte die junge Frau mit einer Härte, die die Männer beeindruckte, fort, hob das Heft in Rage auf und sagte: „Besser ich beende, was diese kleine Närrin begonnen hat. Wer ist derjenige, der sich traut, mit mir in den Ring zu steigen?“
Der Alte von sechzig Jahren, der ein wenig gebrechlich war, erreichte nur mit großer Mühe die Bühne. Er begann die Heldin, die er zu bekämpfen hatte, anzuschauen. Er trug eine große Brille auf der Nase, und weil er ziemlich klein und seine Antagonistin ziemlich groß war, war er gezwungen den Kopf zu heben, um sie zu sehen: „Oh Götter!“, rief der Alte aus, „Was für eine schöne Person, die ich sehe. Und für ihr Alter ist sie gut erhalten!“
Die Alte begann sich zu empören und aufzuplustern. „Potzblitz!“, sagte sie, „Monsieur, ich weiß das längst, aber das ist es nicht, worum es sich handelt. Sie müssen mir Gründe entgegensetzen, die genauso überzeugend sind wie die, die sie mir gerade für meine Frische vorgesetzt haben, und die beweisen, dass wir nicht in der Lage sind, Güter und Stellen zu verwalten und ein Bataillon zu kommandieren, wenn der Fall es erfordert.“
„So ein Fall ist nicht möglich“, antwortete der Greis trocken. „Die Frauen sind, um mit deutlichen Worten zu sprechen, nur im Haushalt am richtigen Platz: Sie haben weder genug Durchhaltevermögen, noch genug Fähigkeiten, noch genug Kaltblütigkeit, um die wichtigen Angelegenheiten zu lenken.“
„Kommt schon, guter Mann!“ erwiderte ihm die Alte. „Ihr schwatzt, mein Freud! Ihr seid nicht in der Lage, darüber zu sprechen.“
Der Alte, den das Gerede nicht erschreckte, war ziemlich sicher, dass er die Dame von fünfzig Jahren aufs Äußerste reizen würde, wenn er die Höflichkeit verdoppelte, während er noch gute Gründe anführte.
„Oh weh, Madame!“, setzte er fort. „Was hat Euer Geschlecht Euch getan, dass Ihr es so vielem Übel aussetzen wollt? Erträgt es nicht schon genug Mühen und Leiden? Ach! Warum soll es der Freude zu gefallen und zu bezaubern beraubt werden? Das ist doch seine Beschäftigung. Die unsere ist es, die Aufgaben des Geistes und des Körpers zu übernehmen.“
„Glaubt Ihr“, fragte ihn die Greisin, „dass wir nicht in der Lage sind, diese gleichen Aufgaben zu erfüllen? Dass wir Euch darin dennoch gefallen und vielleicht sogar mehr, das ist es, was Ihr fürchtet.“
„Ah! Warum sollten wir nicht all das fürchten, was außerhalb seiner Natur ist?“, erwiderte ihr der Alte. „Sie hat euch nicht auf eine Art begünstigt, das vertreten zu können, was Ihr vorbringt.“
„Hier muss ich euch unterbrechen!“, sagte sie zu ihm. „Sie hat uns nicht begünstigt!? Und Ihr seid doch gerade davon überzeugt worden durch dieses junge Mädchen von zehn Jahren.“ „Ich selbst“, setzte sie hinzu, „bin ich nicht stärker und rüstiger als Ihr? Bin ich nicht besser in der Lage zu handeln und zu reden?“
Der Greis blieb bei dieser Entgegnung für einen Moment dumm und verlegen.
„Aber“, sagte er, „wenn Ihr jemanden zu Tode verurteilen oder die Folter befehlen müsst, um ein Verbrechen zu bestrafen, was macht Ihr mit dieser zarten Empfindsamkeit, die die Natur Euch gegeben hat anstelle von Kraft und Mut?“
„Man gewöhnt sich an alles“, antwortete sie. „Und wenn es notwendig ist, einen Leichnam zu sezieren, schreckt Ihr nicht vor Entsetzen allein bei diesem Wort zurück?“
„Und wenn es so wäre. Schrecken nicht alle Schüler der Chirurgie beim ersten Mal davor zurück? Aber was ist, wenn es darum geht, mit einer ernsten und heiklen Angelegenheit zwischen zwei Herrschern umzugehen, den Platz eines weisen Botschafters zu erfüllen?“
„Oh, da braucht ihr keine Angst zu haben! Die Kunst, sich nichts anmerken zu lassen, ist den Frauen angeboren.“
Almoladin zitterte berechtigterweise und sah, dass der Greis dabei war nachzugeben. Es blieb ihm nur noch ein Argument.
„Aber ich nehme an“, sagte der Alte zu ihr, „dass die Botschafterin jung und schön und dass der feindliche Herrscher liebenswert und überzeugend ist und dass er versuchen wird, die Botschafterin zu verführen. Wenn sie erliegt: Auf Wiedersehen, Staatsangelegenheiten!“
„Stets zu Ihren Diensten!“, antwortete ihm die schlaue Alte, „Der Herrscher wäre in größerer Gefahr als die Botschafterin, und wir würden in unserer Angelegenheit obsiegen. Das ist die ganze Gefahr, die besteht, wenn die wichtigen Angelegenheiten unseren Händen überantwortet würden. Wir werden ihnen immer alle Ehre machen, auf welche Art man sich uns gegenüber auch verhält.“
„Aber das wäre kein gute Art und Weise!“, sagte der Greis im Zorn zu ihr.
„Wen kümmert das! Die Politik wendet wohl noch ganz andere Mittel an, schrecklichere und weniger großzügige.“

Bei diesen Worten klatschten alle Frauen in die Hände, und zwei Mal die Lorbeeren zu gewinnen, war in dieser besonderen Angelegenheit mehr wert als bloß ein Mal.

[...]


© Übersetzung: Viktoria Frysak, Corinne Walter 2008