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Lettre au peuple, 1788
[...]
Im Allgemeinen bedrückt von der Schlechtigkeit der
Menschen, suche ich nichts als meine Tage in tiefer Einsamkeit zu verbringen,
und bin bereit von der Literatur, den Freuden einer reichen und fruchtbaren
Fantasie, abzustehen, und es muss alles, was aus meiner schwachen Geistesgabe
hervorgegangen ist, als ein Ertrag angesehen werden, den die Natur hervorgebracht
hat und den die Hand der Menschen nie ausgestaltet hat. Diesen Ertrag,
den ich nicht verkaufe, ich, die ich wenig bekannt bin, eine einfache
Privatperson und im Allgemeinen uninteressiert an Ehren und Vermögen,
die ich nur den Ehrgeiz habe, der mir meinen kleinen Verdienst in der
Karriere als Dramatikerin erlaubt, ich höre und ich sehe alles mit
dem Schmerz einer wahrhaftigen Bürgerin. In dieser Zeit der Untätigkeit
und der Unordnung würde mir nichts Schwung verleihen. Wehe denen,
deren schreckliches Talent darin besteht, Gift und Zwietracht durch ihre
unseligen Schriften zu säen. Wie bedaure ich diejenigen, die gegen
ihr Gewissen ihre Lobreden demjenigen verkaufen, der sie bezahlen will!
O hehre Wahrheit, die du mich immer geleitet hast, die du meine Ansichten
unterstützt, nimm mir die Möglichkeit zu schreiben, wenn ich
jemals mein durch deine Erleuchtung aufgeklärtes Bewusstsein verraten
sollte, aber verzeihe mir, wenn ich manchmal von der empfehlenswerten
Erscheinung hingerissen diejenigen gelobt habe, die es zu sein nicht verdienen.
Eines Tages werden „Meine Bekenntnisse“ der Öffentlichkeit
zeigen, wie mein Charakter war, mein Dasein und meine Feinfühligkeit.
Wenn der Neid mich auf meinem Weg Verleumder von ungewöhnlicher Macht
hat treffen lassen, werde ich eines Tages für die Nachwelt interessanter
sein, wenn die Originalität meiner Schriften nicht den Anspruch darauf
erheben können wird, wird vielleicht mein Unglück mich allen
Menschen empfehlenswert machen, und man wird erkennen, dass eine Frau,
die ihr ganzes Werk aus sich schöpft, nicht nur das Wohlwollen der
Großen, sondern die Wertschätzung aller Menschen verdient.
Wie lautet also das Ziel, das mich veranlasst hat, diesen Brief an die
Öffentlichkeit zu schreiben und darin mit vielleicht ein wenig zu
viel an Eingangsformeln die verspäteten Überlegungen zu verkünden,
die meinen Ängsten gefolgt sind?
Diese Nacht, gegen drei Uhr, hat sich eine große Anzahl an Bürgern
in die Rue de Vaugirard begeben, sie hat Schreie losgelassen, die das
ganze Viertel in Schrecken versetzt haben, und mehrere Knallkörper
und Raketen abgeschossen, danach haben sie an die Türe eines Gemischtwarenhändlers
geklopft, mit Gewalt. Sie haben diesen Mann gezwungen sich schrecklich
zitternd an sein Fenster zu begeben. Sie haben von ihm Fackeln verlangt.
Der Name der Fackel allein hat in diesem Moment all diejenigen zittern
lassen müssen, die in aussprechen gehört haben. Der Händler
hat sich, so gut es ihm möglich gewesen ist, dagegen gewehrt, dieser
Aufforderung Folge zu leisten, aber das Drängen ist so gewalttätig
geworden, dass er sich wiederum gezwungen gesehen hat, die Fackeln herzugeben,
die man von ihm verlangt hat. Zuerst habe ich den Händler getadelt,
dem Drängen des Volkes nachgegeben zu haben; aber nachdem ich gesehen
habe, dass nicht Unglückliches daraus hervorgegangen ist, habe ich
die Vorsicht dieses Mannes gelobt. Wenn er nämlich eingehalten hätte,
was ich in diesem Moment für passend hielt, wäre ihm vielleicht
ein unseliges Ereignis zugestoßen.
O Volk, unglückliche Bürger! Hört auf die Stimme einer
gerechten und empfindlichen Frau. Ihr könnt nur glücklich sein,
insofern ihr nicht mit Schulden belastet seid. Wenn eure Arbeit hart ist,
ist euer Ehrgeiz mäßig. Ihr arbeitet nur, um eure Frau, eure
Kinder zu ernähren, die euch ihre sehnsüchtigen Arme entgegenstrecken,
und in diesen öffentlichen Unruhen lasst ihr sie vielleicht vor Armut
oder vor Schmerzen sterben. Die vierundzwanzig Stunden, die ihr verliert,
sind ein Defizit in euren Finanzen, genauso schädlich wie diejenigen
des Staates. Der Staat hat Hilfsquellen, und ihr, ihr habt nur eure Arme.
Wenn ihr sie mit Verrücktheiten an den Vorabenden aufreibt, wie wollt
ihr eure Kräfte und euren Mut zurückgewinnen, um auf brauchbare
Weise eure Arbeit wieder aufzunehmen?
Was sage ich? Habt ihr nur dies zu befürchten? Und die blutigen Schlachten
die dieser schrecklichen Freude immer folgen? Man ist gezwungen, eine
Macht dazwischen zu stellen, und dann haben wir eine entsetzliche Schlachterei.
Ohne euch zu informieren, für wen ihr die Verteidigung übernehmt,
begebt ihr euch blindlings auf einen Weg der Abgründe, den euch ein
Aufrührer, ein Böswilliger, ein Verräter gebahnt haben
wird. Ein Bürgerkrieg kann dadurch beginnen. Ein Bürgerkrieg!
Himmel! Ich zittere, es auszusprechen! Welches Übel ist für
die Menschen mehr zu fürchten als diese Plage? Aber was sage ich?
Nichts kann ein so grausames Geschehen herbeiführen. Frankreich ist
in genug Schwierigkeiten gestürzt, als dass man auch noch versuchen
sollte, die Übel zu vergrößern.
[...]
© Übersetzung: Viktoria Frysak, Corinne Walter 2008
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